Anwendungsbereiche der Osteopathie

Alle Behandlungen finden entsprechend dem Grundsatz der Osteopathie statt: Der Körper des Patienten weiß genau was er zu seiner Genesung benötigt. Es ist die Aufgabe des Osteopathen dem Körper zuzuhören und ihm bei seinem Heilungsprozess zu unterstüzen.

Leben ist Bewegung – und dort, wo Bewegung oder Durchblutung behindert wird, kann Krankheit entstehen.

Dies ist der zentrale Gedanke, vom Erfinder und Amerikanischen Arzt und Chirurg Dr. Andrew Taylor Still (1828–1912).

Durch eine genaue Anamnese und Untersuchung kann ich Zusammenhänge erkennen und diese in ein Muster einarbeiten, die möglicherweise für Jahrelange Schmerzen und Bewegungseinschränkungen verantwortlich sind. So ist es das Ziel einer osteopathischen Behandlung, die Ursache des Schmerzes zu finden und aufzulösen, um die Selbstheilungskräfte des Körpers anzuregen.

Aufgrund der sanften und respektvollen Herangehensweise können Menschen jeden Alters osteopathisch behandelt werden.

Die Anamnese, wie sie ein guter Osteopath erhebt, dient dazu, die Krankheitsgeschichte zu erfahren, sich ein Bild vom Patienten als Individuum zu machen und Vertrauen für eine erfolgreiche Behandlung aufzubauen.

Bevor der Osteopath seine sensiblen und geschulten Hände einsetzt, erfolgen Beobachtungen im Gehen, Stehen, Sitzen und liegen.

Liegt der Patient auf dem Behandlungstisch, wird die Wirkung der Schwerkraft weitgehend abgefangen. Die Muskulatur kann sich entspannen, die Gelenke nehmen eine neutrale Ruhestellung ein. Spätestens jetzt wendet der Osteopath die manuellen Techniken an, die er im Laufe seiner fünfjährigen Ausbildung erlernt hat. Dabei wird meist kaum Kraft aufgewandt. Schließlich soll die Bewegung unter normalen Bedingungen erspürt werden und nicht, wie sie sich verhält, wenn massive äußere Einflüsse auf sie einwirken. Gewebe reagiert auf starke äußere Einflüsse nämlich meist mit einer Kontraktion. Daher muss der Osteopath bei dieser Form der manuellen Untersuchung darauf achten, dass er keine Abwehrreaktion des Gewebes hervorruft. Die eigentliche Bewegung des Gewebes könnte er sonst nicht mehr erspüren.

Drei Prinzipien
Um aus seinem philosophischen Konzept eine praktizierbare Medizin zu machen, stellte Still drei Prinzipien als Grundpfeiler auf, nach denen die Osteopathie funktioniert.

Struktur und Funktion
Das erste dieser Prinzipien beschreibt das Zusammenwirken von Struktur und Funktion. Demnach bestimmt einerseits die Struktur die Funktion, und andererseits formt die Funktion die Struktur. Dies lässt sich z.B. an Organen beobachten, die in der Regel wachsen, wenn ihre Funktion zunimmt, und verkümmern, wenn ihre Funktion abnimmt. Hier setzt die Osteopathie an: Indem sie die Funktion überprüft (Diagnose), erhält sie Aufschluss über die Struktur. Indem sie einer geschädigten Struktur zu ihrer ursprünglichen Funktion zurück verhilft (Behandlung), ermöglicht sie den Selbstheilungskräften, den Schaden an der Struktur zu beheben. Damit ist der wesentliche Gegenstand der Osteopathie beschrieben: das Aufspüren und Behandeln von Dysfunktionen.

Der Organismus als untrennbare Einheit
Weil aber kein Organ für sich allein steht, haben Dysfunktionen immer Auswirkungen auf andere Strukturen und deren Funktionen. Ist z.B. die Beweglichkeit des Brustkorbs eingeschränkt, behindert dies zwangsläufig die Lungenfunktion. Das einwandfreie Funktionieren eines Organs ist abhängig von seinen umgebenden Strukturen. Umgekehrt können Dysfunktionen umgebender Strukturen die Funktion eines Organs beeinträchtigen. Diese Abhängigkeit einzelner Strukturen und deren Funktionen zueinander erklärte Still zum zweiten Prinzip der Osteopathie, indem er den menschlichen Organismus als eine untrennbare Einheit beschrieb.
Tatsächlich lassen sich bei lokal auftretenden Beschwerden diagnostisch sehr oft auf- oder absteigende Dysfunktionsketten feststellen, die ganze Bereiche des Körpers durchziehen. So kann z.B. eine Dysfunktion im knöchernen Bereich des Beckens zu Schmerzen in den Leisten, einer Bursitis trochanterica, Knieund/ oder Fußschmerzen führen. Die Verkettung kann aber auch in die kraniale Richtung führen und Oberbauchbeschwerden, Rücken-, Nacken- und Kopfschmerzen sowie Kiefergelenksbeschwerden auslösen. Die „Schnur“, an denen diese Dysfunktionen wie Perlen aufgereiht sind, wird meist von Faszien gebildet. Gemeinsam bilden diese ein Netzwerk, das den gesamten Körper durchzieht und alle Strukturen miteinander verbindet. Die Arbeit an und mit den Faszien ist daher ein wesentlicher Bestandteil der Osteopathie. Patienten reagieren oft verwundert, wenn ein Osteopath ihre lokal begrenzten Beschwerden nicht weiter beachtet, sondern sie an ganz anderer Stelle behandelt. Osteopathen arbeiten eben nicht symptomorientiert, sondern suchen nach der „Primärläsion“, also der ursprünglichen Dysfunktion, die eine Kette an weiteren Dysfunktionen ausgelöst hat und oft an ganz anderer Stelle zu den Beschwerden des Patienten führt.

Unterstützung der Selbstregulation
Durch das manuelle Wiederherstellen abhanden gekommener oder eingeschränkter Funktionen aktiviert bzw. fördert der Osteopath den körpereigenen Regulierungs- und Heilungsprozess. Diese Fähigkeit des menschlichen Organismus, sich innerhalb gewisser Grenzen selbst regulieren und heilen zu können, bildet das dritte Prinzip der Osteopathie. Osteopathen arbeiten ganz bewusst mit diesen selbstregulierenden und -heilenden Kräften des Körpers zusammen. Ihre wesentliche Aufgabe besteht darin, alle Hindernisse zu beseitigen, die der Homöostase und der Selbstheilung im Wege stehen. Medikamente und invasive Eingriffe werden damit überflüssig. Wer darauf setzt, hat laut Still kein Vertrauen in die Fähigkeiten und Möglichkeiten des menschlichen Organismus. Er schrieb dazu: „Die Natur war gedankenreich genug, alles in den Menschen hinein zu geben, was unter ‚Medikamente’ zu verstehen ist.“

Andrew Taylor Still (1828 – 1917)

Die Osteopathie wurde vom amerikanischen Landarzt Andrew Taylor Still entdeckt. Als Sohn eines Methodistenpredigers war er nicht nur mit den Grundlagen der Seelesorge, sondern auch mit einfacher Volksmedizin vertraut. Die ersten Jahrzehnte seines Lebens verbrachte er in der völlig wilden Natur des Grenzlandes zum unberührten Westen. In dieser Zeit intensivster Naturbeobachtung eignete sich Still trotz rudimentärster Schulausbildung ein einzigartiges funktionelles Anatomiewissen an.

Rückschläge
Nach der Rückkehr aus dem amerikanischen Bürgerkrieg, in dem er eine aktive militärische und politische Rolle auf Seiten der Sklavereigegner ausübte, nahm sein Schicksal 1864 eine entscheidende Wende. Nachdem innerhalb weniger Tage drei seiner Kinder einer tödlichen Meningitisepidemie erlagen und kurz darauf auch ein viertes Kind trotz Konsultation der besten Ärzte und Seelsorger der Umgebung an einer Lungenentzündung verstarb, wandte sich Still enttäuscht von der „heroischen Medizin“ und sämtlichen religiösen Institutionen ab, um eine bessere Medizin zu
finden. Er begann sich mit den geistigen Strömungen seiner Zeit zu beschäftigen: Den amerikanischen Transzendentalismus, Phrenologie, Mesmerismus, Magnetismus, aber auch Knochensetzen die Medizinreligion der Shawnee-Indianer. Auch hochkomplexe philosophische Abhandlungen, wie jene von Herbert Spencer, dem Begründer der Evolutionstheorie und die aktuellen Entwicklungen in der Europäischen Medizin wurden von Still aufmerksam verfolgt. In dieser Zeit erwarb er sich zudem Kenntnisse im Bereich Mechanik und Elektrizitätslehre. Besonders umstritten war Stills offener Umgang mit dem Spiritismus. Seancen, ein indianisches Medium und die spätere Mitgliedschaft in einer Freimaurerloge zeugen für sein breites Interesse auch in diesem Bereich. Was nur wenige Kritiker zur Kenntnis nehmen wollten: Bei seiner Suche legte der oft exzentrisch auftretende Still für die damalige Zeit strengste wissenschaftliche Maßstäbe an. Alles, was sich in der Praxis umsetzen ließ und allein seinen Patienten dienlich erschien, wurde in sein osteopathisches System integriert, der Rest wurde abgelehnt – und dies vollkommen unabhängig von gängigen Modeerscheinungen, Expertenmeinungen, Überlieferungen oder Fachliteratur. Still verkörperte damit das Idealbild eines neutralen Empirikers.

Die osteopathische Philosophie
Als Ergebnis seiner langen und intensiven Suche hatte Still eine neue Medizinphilosophie entdeckt, deren „Geburt“ Still auf den 22.06.1874 datiert: Die Osteopathie. In ihrem Mittelpunkt stand die vollkommene Schöpfung als Ausdruck und Werk einer nicht zu benennenden höheren Instanz. Einzelne Strukturen und funktionelle Zusammenhänge zwischen und innerhalb von ihnen unterlagen harmonischen Gesetzmäßigkeiten. Diese Überzeugung übertrug Still auf den Mensch. In seinem Konzept des triune man (die dreifach differenzierten Einheit des Menschen), der Einheit aus Körper, Geist und Seele erkannte er einen von der Schöpfung vollkommenen Selbstheilungsmechanismus. Das optimale Funktionieren von „Gottes Apotheke“ hing dabei essentiell von unbehinderter Ver- und Entsorgung des Körpers mit Nervenkraft, Blut und Lymphflüssigkeit ab. Gab es eine Blockierung in diesen Bahnen, musste der Selbstheilungsmechanismus ins Stocken geraten und die betreffenden Organe erkrankten. Das Zentrum der peripheren Versorgung sah Still im Bereich der Wirbelsäule, weshalb er bei den meisten, auch internistischen Erkrankungen gezielt nach deplatzierten Wirbelkörpern suchte. Er ging davon aus, dass diese Fehlstellung umliegende Nerven und Gefäße behinderten, und versuchte sie mit weichen Manipulationen wieder in ihre individuelle Stellung zu bringen. Über die Manipulation eines Knochen (gr. osteon) wurde die Ver- und Entsorgungen gesichert, der Selbstheilungsmechanismus konnte wieder greifen und das Leiden (gr. pathos) wurde positiv beeinflusst. Die Zuführung von Medikamenten betrachtete Still als Beweis für das mangelnde Vertrauen in die Fähigkeiten der Natur und lehnte deren Anwendung ebenso kategorisch ab, wie vorschnelle operative Eingriffe. Nach Still war der Osteopath lediglich ein komplex denkender Mechaniker und die vollkommene Schöpfung der Heiler. Folglich ist der Osteopath niemals direkt für die Heilung verantwortlich, sondern Vermittler zwischen Patient und dem freiem Wirken der Schöpfung.

Späte Anerkennung
Perfektioniert in seinen manuellen Fähigkeiten, sowie ausgestattet mit enormen wissenschaftlichen Allgemeinwissen, tiefsten spirituellen Lebenserfahrungen und unbeirrter Zielstrebigkeit sollte Still schließlich Mitte der 1870er in Kirksville, Missouri, die verdiente Anerkennung erfahren. Aufgrund enormer Behandlungserfolge und der außergewöhnlichen Fähigkeit sein immenses Universalwissens fast spielend funktionell zu vernetzen, breitete sich sein Ruf als „Wunderdoktor“ in der Umgebung rasch aus. Auf Drängen von Patienten und sogar einiger Mediziner gründete Still daraufhin 1892 im Alter von 64 Jahren in Kirksville schließlich die erste osteopathische Ausbildungsstätte der Welt, die American School of Osteopathy (ASO). Der beeindruckende Siegeszug der Osteopathie hatte begonnen.

Die weitere Entwicklung
Eine von American Medical Association 1910 initiierte staatliche Untersuchung sämtlicher medizinischer Ausbildungsstätten Amerikas sollte nur jenen Kandidaten weitere Zuschüsse sichern, die bei einer Evaluation gewisse Kriterien erfüllten. Dabei wurden die Standards der medizinischen Universitäten – einschließlich ihrer materia medica und Pharmakologie – als Grundlage verwendet. Der so genannte Flexner-Report führte dazu, dass sich fast alle osteopathischen Colleges vom ursprünglichen Konzept Stills immer weiter entfernten, um ihr wirtschaftliches Überleben zu sichern. Hier liegt die Ursache, warum manuelle Techniken bei den meisten Osteopathen in den Vereinigten Staaten kaum noch Bedeutung beimessen. Weitaus fataler: Das Kernkonzept des triune man mit der Überzeugung eines vollkommenen und einer spirituellen Instanz untergeordneten Selbstheilungsmechanismus wurde aus der Osteopathie verdrängt. So driftete die Osteopathie unvermeidlich immer mehr Richtung allopathischer Medizin.

Stills späte Jahre
Um den Jahrhundertwechsel widmet sich Still wieder seinen Lieblingsbeschäftigungen: Naturbeobachtungen, innere Weiterentwicklung und geselliger geistiger Austausch. Verehrt von seinen Studenten und Patienten, entfremdet sich seine Fakultät mehr und mehr vom „Old Doctor“. Insbesondere seine beharrliche Ablehnung jeglicher Medikation und seine wieder aufgenommene Forschung im Bereich der Spiritualität stoßen auf Unverständnis. Davon unbeirrt forscht Still vorurteilsfrei weiter und versucht immer tiefer in die Geheimnisse der Osteopathie einzutauchen. 1917, über ein halbes Jahrhundert nach seinem Aufbruch als einfacher Landarzt, stirbt Still als Entdecker einer der bedeutendsten Medizinphilosophien in der Geschichte der Menschheit – der Osteopathie mit dem triune man als Part einer vollkommenen Schöpfung im Mittelpunkt.

John Martin Littlejohn (1866-1947) – Ein glänzender Intellekt

John Martin Littlejohn wurde am 15.02.1866 in Glasgow als Pfarrerssohn geboren. John Martin war ein kränklicher aber hochintelligenter und wissbegieriger junger Mann. Trotz bitterster Armut war das Elternhaus vom geisteswissenschaftlichem Studium erfüllt, und so begann seine sprachwissenschaftliche Ausbildung bereits mit 16 Jahren an der Akademie Colraine in Nordirland. Nach dem Studium der Theologie an der Universität in Glasgow ging er 1886 als Pfarrer nach Nordirland, um schon bald darauf wieder nach Glasgow zurückzukehren. Dort erwarb er mehrere Abschlüsse und Auszeichnungen in Jura, Theologie, Medizin, Philosophie und Soziologie und hielt 1886/87 seine ersten Vorlesungen.
Das raue Klima und seine Konstitution hatten ihn zu einem introvertiert barschen, aber brillanten und vielseitig gebildeten Analytiker geformt. Zu diesem Zeitpunkt begann er an ernsten Blutungen im Hals zu leiden die ihn zum Klimawechsel zwangen. Eine große Universitätskarriere fand damit sein ihr jähes Ende.

Amerika
1892 siedelte er mit seinen Brüdern James und William nach Amerika über und setzte seine Studien an der Columbia University in New York fort. Aufgrund seiner hervorragenden Leistungen übernahm er schon bald die Leitung des Amity College in College Springs, Iowa. Seine Beschwerden besserten sich allerdings nicht und so kam es 1895 in Kirksville zur schicksalhaften Begegnung mit Dr. Still. Bereits eine Behandlungen führte zur deutlichen Linderung. Da Still dringend qualifizierte Lehrer an seiner 1892 gegründeten American School of Osteopathy benötigte, bot er Littlejohn einen Posten als Physiologielehrer an. Tief beeindruckt von Stills Naturkonzept der Osteopathie willigte er ein, begann 1897 seine Arbeit, schrieb sich ein Jahr später als Student ein und wurde noch im selben Jahr Schuldekan. Innerhalb der Fakultät gab es jedoch schon bald einen tiefen Konflikt: Stills Anhängern galt der anatomische Zugang zur Osteopathie als heilig. Littlejohn und seinen Brüdern schien dies zu einfach; sie betrachteten die komplexere Physiologie als Kern der Osteopathie. Aber es ging auch um einen zeitlosen Konflikt: Akademisch gebildete Ärzte standen praxisorientierten Osteopathen gegenüber. Zu allem Überfluss verliebte sich Littlejohn in die lebenslustige Tochter seines Lehrers, Blanche Still. Seine gut gemeinten Aufmerksamkeiten in Form von Lexika schienen hier nicht gerade passend und so wurde er zurück gewiesen. Als er schließlich noch als Dekan abgesetzt wurde kam es zum endgültigen Bruch mit der ASO. Mit seinen Brüdern, die ihn seit Glasgow begleitet hatten, ging er nach Chicago und gründete dort 1900 das Chicago College of Osteopathy. Der Unterricht wurde in den theoretischen Fächern erweitert und die Physiologie als Kernfach etabliert. Trotz der ablehnenden Haltung der konservativ geprägten American Osteopathic Association florierte die Schule. Sie entwickelte sich zu einer der wichtigsten wissenschaftlichen Quelle der frühen Osteopathie. Man vermutet, dass der inzwischen verheiratete Littlejohn mit seinem feinen Gespür für politische Entwicklungen die verheerenden Folgen des bereits bei A.T. Still erwähnten Flexner-Reports für die Unabhängigkeit der Osteopathie in den USA voraussah und daher möglicherweise einen Neuanfang in England vorzog.

England
1913 zog die inzwischen achtköpfige Familie Littlejohn nach Bagger Hall nahe London und John Martin begann noch während der Kriegsjahre mit ‚Krankenhausarbeit’ und ‚Unterweisungen’. 1917 gründete er mit der British School of Osteopathy in London und mit dem Journal of Osteopathy legte er endgültig das osteopathische Fundament Europas. Aber auch in England hatte er sich schon bald den Angriffen der British Osteopathic Association und der British Medical Association zu erwehren. Ähnlich den Folgen des Flexner-Reports führte eine Kampagne der BMA 1935 zum ‚Paliamentary Bill’. Der Osteopathie wurde die Anerkennung verweigert. Der Zweite Weltkrieg tat sein übriges und die BSO schrumpfte schon bald auf eine kleine Klinik zusammen. Schließlich verstarb der neben Still wohl wichtigste Vertreter der Osteopathie 1947 in Bagger Hall. Stellte Still Körper und Seele der Osteopathie dar, so war John Martin Littlejohn unbestritten ihr Verstand. Er erweiterte das physiologische Konzept und legte damit einen bedeutenden Grundstein für ihren späteren Siegeszug in Amerika. Die europäische Osteopathie ihrerseits wäre in der heutigen Form ohne ihn undenkbar.

William Garner Sutherland (1873-1954)

William Garner Sutherland (1873-1954) wurde im ländlichen Portage County, Wisconsin, geboren. Wie Still wurde auch Sutherland vom einfachen Leben des Mittleren Westens mit seinem bäuerlichen Charakter nachhaltig beeinflusst. Ein Erlebnis sollte ihn hierbei besonders prägen: In einem Beet im Garten ließ Sutherlands Vater seine Kinder Kartoffeln anpflanzen und später ernten. Nachdem sie bei der Ernte scheinbar alle Kartoffeln gefunden hatten, sagte der Vater sie sollten noch mal graben und erneut suchen – „Dig on!“ – und wieder fanden sie Kartoffeln. Auch ein dritter Versuch war von Erfolg gekrönt. Dieses sorgfältige und hartnäckige Graben nach versteckten Zielen prägte Sutherlands spätere Forschung an den Schädelknochen nachhaltig, da er sich mit jedem auch noch so kleinen anatomischen Detail vertraut machte, um dessen funktionelle Bedeutung zu ergründen. „Dig on!“ – die Suche nach dem Unsichtbaren – sollte zum Leitmotiv seines Lebens werden. Sein erstes Geld verdiente Sutherland sich als Druckerjunge beim Blunt Advocate. Rasch bewährte er sich und stieg bis 1890 zum Vorarbeiter empor. 1893 ging er nach Fayette, Iowa, um die Upper Iowa University zu besuchen. Anschließend kehrte er zur Zeitung zurück und wurde schließlich der Herausgeber des Daily Herald in Austin, Minnesota. In dieser Stellung hörte er 1898 von Dr. Still und der Osteopathie. Noch im selben Jahr schrieb er sich in der American School of Osteopathy ein und schloss seine Ausbildung mit dem Jahrgang von 1900 ab. Sein Studiengeld besserte er sich u.a. mit dem Redigieren der Texte seines Physiologie-Lehrers Dr. Littlejohn auf, der zugleich auch Sutherland Kommilitone war. Ein interessantes Detail, denn Littlejohn schrieb bereits zu diesem Zeitpunkt über Bewegungen im Schädel.

„Wie die Kiemen….“
Gegen Ende seiner Ausbildung kam dem jungen Sutherland beim Betrachten der Suturen einzelner Schädelknochen eines disartikulierten Schädels der Gedanke „Wie die Kiemen eines Fisches“. Er antizipierte eine atemähnliche Bewegung in den Suturen und versuchte seine Hypothese in den folgenden Jahrzehnten durch gewagte Eigenexperimente zu widerlegen (!). Da es ihm nicht gelang, übertrug er das Konzept der traditionellen Osteopathie auf die Schädelknochen, entwickelte dazu ausgefeilte und extrem feine Techniken und begründete damit das Konzept der Kranialen Osteopathie. Dabei soll nicht unerwähnt bleiben, dass Charlotte Weaver DO und ebenfalls Abolventin der ASO (1912) bereits vor Sutherlands späterem Erstlingswerk The Cranial Bowl (1939) einige bedeutende Artikel über die Schädelmotilität veröffentlicht hatte, und es ist auch von dieser Seite ein gewisser Einfluss denkbar.

Kraniale Osteopathie
Nach über zwei Jahrzehnten der Forschung im kranialen Bereich wagte sich der sonst stille Sutherland Anfang der 1930er unter einem Pseudonym an seine Berufskollegen. Im Minnesota Osteopathic Journal unterbreitete er erstmals die Grundideen seines Konzeptes, welches zu jener Zeit den „Primärer Respiratorischer Mechanismus“ (PRM) noch nicht beinhaltete. Die Reaktionen auf seine Kolumne waren äußerstunterschiedlich, von vehementer Ablehnung, bis zur ehrlichen Ermunterung zu weiteren Forschungen in diesem Gebiet. Aufgrund des steigenden Interesses einer kleiner Gruppe Osteopathen veröffentlichte Sutherland 1939 das bereits erwähnte Büchlein The Cranial Bowl, in dem er das Resultat von 40 Jahren Forschung auf wenigen Seiten darlegt. Trotz des mäßigen Echos fährt er fort, die Kraniale Osteopathie immer weiter zu vertiefen. Und Mitte der 1940er überrascht er seine Kollegen erneut mit einer bahnbrechenden Neuerung: Sutherland beginnt in seinen Seminaren zunächst noch zurückhaltend, später immer offener die Begriffe „flüssiges Licht“, „Potency“ und „Primärer Respiratorischer Mechanismus“ (PRM) in Verbindung mit dem bekannten Bibelausdruck „Atem des Lebens“ zu erläutern. In diesem Zusammenhang dürfte er vom amerikanischen Philosophen und Künstler Walter Russell ebenso nachhaltig beeinflusst worden sein, wie ehemals Still vom englischen Philosophen Herbert Spencer. In Sutherlands offener Benennung und Betonung der Spiritualität zeigt er sich ganz in der Tradition seines verehrten Lehrers, denn auch Still hatte metaphysische Aspekte zeitlebens als natürlichen Bestandteil der dreifach differenzierten Einheit des Menschen gesehen. Sutherland betonte vor diesem Hintergrund zudem oft und nachdrücklich, dass seine inzwischen als Kraniosakrale Osteopathie bezeichnete Methode als integraler Bestandteil der traditionellen Osteopathie zu verstehen ist und unter keinen Umständen eine eigenständige Behandlungsform darstellt. 1954 stirbt Sutherland als einer der meistgeehrten Mitglieder seines Berufsstandes und obwohl der PRM bis heute nicht nachgewiesen werden konnte, gilt die Kraniosakrale Osteopathie als einer der großen Pfeiler der Osteopathie.

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Techniken Osteopathie – Der Osteopath sollte in der Lage sein, sehr exakt Gelenke (inkl. Schädelnähte), Muskeln, Bänder, Faszien, Organe, Nerven, Gefäße, Körperflüssigkeiten und Energien zu berühren und ihre Wechselbeziehungen mit anderen Geweben zu diagnostizieren und zu behandeln.
Osteopathie ist dadurch gekennzeichnet, dass der Behandler fähig ist, eigene Techniken zu entwickeln, die bestmöglich an das Alter und die Eigenart des Patienten angepasst sind. Dennoch gibt es unterschiedliche Ansätze von Techniken. Einige von diesen werden im Folgenden dargestellt.

ALLGEMEINE OSTEOPATHISCHE BEHANDLUNG (AOB)
Die allgemeine osteopathische Behandlung wird bei einer Vielzahl von Beschwerdebildern angewendet, wie zum Beispiel Störungen des Bewegungsapparates (Rückenschmerzen, Gelenkschmerzen, etc.), Verdauungsstörungen, Schlafstörungen, Kopfschmerzen u.s.w. Ziel ist es unter anderem, die Blutversorgung und – abfluss, Lymphdrainage, Propriozeption der Gelenke und Gelenkbeweglichkeit, Schmerzempfindung und Entspannung zu verbessern.
Die AOB wird zur Befundung – wie auch Behandlung genutzt und wurde vom Osteopathen John Martin Littlejohn bereits Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt und John Wernham weiter verfeinert. Beeindruckt und inspiriert hat mich, wie John Wernham diesen Ansatz bei allen Arten von Symptomen, wie Fiebererkrankungen, Allergien und Burn out angewendet hat.
Sämtliche Gelenke des Körpers werden in einem auf den Patienten abgestimmten Rhythmus rhythmisch bewegt. Während dieser sanften gleichmäßigen Mobilisierungen palpiert die Osteopathin ständig die Qualität und Quantität der Bewegung sowie die Reaktion lokaler und benachbarter Gewebe. Dabei wird die Anwendung an den jeweiligen Patienten und Region individuell angepasst.
Dies wird beispielsweise erreicht, in dem die Bewegungsamplituden langsam vergrößert oder verkleinert, beschleunigt oder verlangsamt werden, indem an bestimmten Regionen Vibrationen ausgeführt oder an dysfunktionalen Regionen fast bewegungslos Spannungen gefolgt werden. In der Befundung und Behandlung Reflexzonen der Haut, der Muskeln, Knochen, Organe, Faszien berücksichtigt.
Durch die Routine in der Behandlung, kann der Patient besonders gut entspannen und loslassen.

OSTEOPATHIE – FASZIALE TECHNIK
Faszientechniken werden bei Einschränkungen der Faszienbeweglichkeit mit Beeinträchtigungen von gelenkigen, nervalen, vaskulären, lymphatischen Geweben angewendet.
Faszien können bei akuten oder chronischen Belastungen, die von innen oder auch von außen herrühren, betroffen sein. Dazu zählen zum Beispiel Narben und andere Verwachsungen, Entzündungsprozesse, Unfälle, Haltungsstörungen und Stress.
Die Untersuchung der Faszien kann passiv erfolgen in dem die Spannung mittels passivem Auflegen der Hände gespürt wird sowie mittels Mobilitätstests, in dem die Verschieblichkeit von Faszien mittels aktiver Testung/Dehnung untersucht wird. Die Behandlung kann durch eine Vielzahl von Möglichkeiten erfolgen. Ein Ansatz wäre das indirekte Folgen der Faszienspannung an der Barriere bis zur deren Lösung. Es kann auch ein direktes feinjustiertes Dehnen von Fehlspannungen durchgeführt werden.
In der Tat gibt es eine ungeheuer große Anzahl verschiedenster faszialer Behandlungsmethoden, einige unter ihnen sind dabei auch sehr schmerzhaft.

RECOIL- Technik
Ein Recoil wird zur Lösung von Gewebeblockaden eingesetzt.
Diese sind sehr sanft und werden schnell, mit wenig Kraft und Amplitude ausgeführt. Sie können auch bei hypermobilen Geweben eingesetzt werden.
Eine erfolgreiche Lösung kann auch Zunächst wird eine Blockade lokalisiert und eine Feinjustierung in Richtung Vorspannung in allen drei räumlichen Ebenen seitens der Osteopathin vorgenommen. Es kann dabei auch die Atmung des Patienten mit genutzt werden. Dabei wird wahrgenommen, ob sich die Vorspannung in Ein- oder in Ausatmung verstärkt.
Anschließend wird ein sehr kurzer, aber sehr schneller Impuls gegen den Widerstand des Gewebes durchgeführt. Unmittelbar nach Ausführen des Impulses werden die Hände sofort entfernt. Dadurch entsteht eine starke Vibration. Durch die durch den Recoil induzierte Welle kann eine Neurorganisation des Gewebes entstehen. Außerdem kann sich das auch auf weitere Läsionenverkettungen und sekundäre Störungen auswirken.

WEICHGEWEBETECHNIK
Weichgewebetechniken werden zur Befundung und Therapie eingesetzt, zum Beispiel zur Behandlung von zu hoher oder zu geringer Muskelspannung, mangelnder Durchblutung von Muskeln und Faszien und Organen sowie bei Nährstoff- oder Sauerstoffmangel im Gewebe. Sie können den Abbau von Abfallprodukten und die Abwehr von Krankheitserregern stimulieren sowie eine wohltuende Entspannung hervorrufen.
Dabei werden Muskeln und Faszien gedehnt und geknetet oder lokale Verspannungen durch gezielten, kräftigen und tiefen Druck gelöst.

THRUST-/IMPULSTECHNIK
Nicht nur der Legende nach , sondern medizin historisch bewiesen war der Erfinder der Chiropraktik ein Schüler vom „ Old Doctor „ Andrew Taylor Still, der Gründervater der Osteopathie. Wir sehen diese Art der Technik als einen weiteren Zweig oder Ast vom Baum der Osteopathie an. An diesem und an den anderen Beispielen an verschiedenen Techniken innerhalb der Osteopathie zeigt sich beeindruckend, wieviele Werkzeuge wir in unserem Werkzeugkoffer haben.
Die Impulstechnik wird bei blockierten Gelenken und Muskeln durchgeführt mit festen und klar lokalisierten Gelenksbarrieren. Bei eher schwammigen und nicht klar umrissenen Gewebewiderständen wird stattdessen oft eine indirekte Technik angewendet.
Dieser Teil der osteopathischen Technik ist auch häufig als chiropraktische Manipulation bekannt. Bei einer Impulstechnik wird eine Mobilisation mit Impuls durchgeführt. Diese sollten stets schmerzfrei sein. Die Osteopathin befundet die Barriere in der Bewegung eines Gelenks, welchen Umfang sie hat und wie sie sich
anfühlt. Die Technik besteht in einem gezielten, schnellen und kurzen Impuls, in dem das Gelenk mit einem kurzen Ruck in Richtung der Barriere bewegt wird. Ist die Technik erfolgreich, läßt sich das Gelenk wieder bewegen und die Schmerzen gehen zurück.

MUSKEL-ENERGIE-TECHNIK (MET)
Durch die Muskel-Energie-Technik wird eine eingeschränkte Beweglichkeit von Gelenken versucht aufzulösen.
Die MET wird bei blockierten Gelenken, verhärteten und verkürzten Muskeln oder Faszien sowie lokalen Durchblutungsstörungen angewendet. Dieser Ansatz wurde von Fred Mitchel Mitte des 20: Jahrhunderts entwickelt.
Der Patient ist hier aufgefordert aktiv mitzuarbeiten. Meist wird mittels Druck und Gegendruck eine isometrische Kraftanwendung durchgeführt.
Es wird die eingeschränkte Bewegungsrichtung eines Gelenkes, z.B. des Schultergelenks befundet. Nach gezielter Einstellung in Richtung der Gewebebarriere – eine feine Justierung ist hier wesentlich für den Erfolg – drückt die Patientin für einige Sekunden lang mit Hilfe der Schultertmuskeln gegen den Widerstand des Osteopathen, der dagegen hält und keine Bewegung zuläßt. Anschließend entspannt die Patientin die Schulter – das ist sehr wesentlich – und der Osteopath sucht die neue Bewegungsgrenze des Schultergelenks auf.

INHIBITION
Inhibitionstechniken werden vor allem im Muskelsystem angewendet.
Durch sanftes Drücken im Muskel werden reflektorisch die dysfunktionelle Muskelanspannung normalisiert.
Aber auch andere Ansätze bedienen sich dieses Prinzips. So ist bei Muskel-Energie-Technik das „postisometrische Relaxations-Phänomen“ bekannt, das der neurologischen Inhibition der Inhibition der motorischen Aktivität zugeschrieben wird.
So kann Schmerzlinderung erzeugt werden, wenn Afferenzen aus den Mechanorzeptoren, nozizeptive Afferenzen im Hinterhorn des Rückenmarks hemmen.

FLUIDE TECHNIK
Fluide Techniken werden zur Verbesserung der Durchblutung in den Geweben eingesetzt oder zur Lösung von Geweberestriktionen.
Das befruchtete Ei besteht zu etwa 95% aus Flüssigkeit. Aber auch im ausgewachsenen Menschen durchströmen nicht nur flüssigkeitsgefüllte Gefäße den Körper, sondern jedes Gewebe besteht zu gewissen Anteilen aus Flüssigkeiten.
Osteopathen richten ihre Aufmerksamkeit auf die Wahrnehmung der Rhythmen der unterschiedlichen Körperflüssigkeiten, synchronisieren ihre Hände mit ihnen und/oder stimulierem den Fluss unterschiedlicher Körperflüssigkeiten und/oder richten die Flüssigkeiten in bestimmte Gewebe.
Beispielsweise palpieren Osteopathen die Verschieblichkeit von Arterien und befunden und behandeln Einschränkungen in der Gleitfähigkeit von Arterien. Im Blutkreislauf sind Überlagerungen von Strömungen und Rhythmen, die auch Kennzeichen von Gewässern sind, erkennbar. Ebenso gibt es osteopathische lymphatische Drainagetechniken zur Verbesserung des Lymphflusses.
Diese nicht-invasiven Techniken können auch an Gelenken Anwendung finden.

POINT OF BALANCE / RHYTHMIC BALANCED INTERCHANGE
Diese Technik wird bei Bewegungseinschränkungen aller Gelenke im Körper, auch des Schädels eingesetzt. Diese Techniken wurden von dem Osteopathen William Garner Sutherland im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts ins Leben publiziert und von Torsten Liem weiterentwickelt.
Die Osteopathin erspürt die Bandspannungen in Gelenken oder Organen. Um das Gleichgewicht wieder herzustellen, Das Gelenk oder Organ wird in eine Position einer ausgeglichenen Spannung aller Bänderanteile begleitet oder geführt. In dieser dynamischen Positionierung kann eine Eigenkorrektur stattfinden. Unterstützen kann der Patient die Ausführung durch verstärkte Aus- oder Einatmung oder Atemanhalten, oder durch gezielte Anspannung von Muskeln. Auf ähnliche Weise können auch andere fasziale Strukturen behandelt werden.
Ein Beispiel: Ist das Ellenbogengelenk in seiner Beweglichkeit eingeschränkt, wird die Beweglichkeit des Gelenks in Streckung und Beugung, Drehbewegung und seitliche Verschiebung untersucht. Dann bewegt die Osteopathin den Ellenbogen in die Richtung der größeren Beweglichkeit, bis sich die Gelenkspannung in allen Bewegungskomponenten im Gleichgewicht befindet. In dieser Position wird das Ellenbogengelenk so lange gehalten, bis eine Entspannung wahrnehmbar wird. Es können auch die Bewegungskomponenten einzeln eingestellt und behandelt werden, aber die Behandlung wirkt am besten, wenn alle Bewegungskomponenten eines Gelenks so

Als Still vor fast 140 Jahren das Konzept und die Prinzipien seiner Osteopathie präsentierte, beschränkte sich der Gegenstand seiner Medizin vorwiegend auf den Stütz- und Bewegungsapparat des Menschen, also jenes System aus Knochen, Gelenken, Muskeln, Sehnen, Bändern und Faszien, das dem Körper Halt gibt und Bewegung ermöglicht. Heute bezeichnet man diesen Bereich der Osteopathie auch als parietale Osteopathie. Ihr Gegenstand ist das Lösen von artikulären, muskulären und myofaszialen Dysfunktionen. 

Mit der parietalen Osteopathie werden klassischerweiseorthopädische Beschwerden wie Schmerzen und/oder Bewegungseinschränkungen der Wirbelsäule, Nackenverspannungen, Schulter-Arm-Syndrom, Haltungsschäden und Gelenkschmerzen behandelt. Auch nach orthopädischen Operationen, wie z.B. an Hüfte oder Knie, kann parietale Osteopathie begleitend wirksam eingesetzt werden.

Die parietale Osteopathie gilt als der am besten erforschte Bereich der Osteopathie. Diverse randomisierte, kontrollierte Studien belegen die Wirksamkeit der parietalen Osteopathie, etwa bei der Behandlung von Rückenschmerzen, Diskusprolaps, chronischer Epikondylopathie und Sportverletzungen.

Die osteopathische Behandlung der Organe des Thorax, des Bauchraums und des Beckens wurde vorwiegend durch die beiden Osteopathen Jean-Pierre Barral und Jacques Weinschenck in den 1980er-Jahren in Frankreich entwickelt. Sie übertrugen die Prinzipien der parietalen Osteopathie auf die inneren Organe und entwickelten manuelle Techniken für deren Behandlung.
So lässt sich z.B. die Funktion des Gelenks als bewegliche Verbindung mehrerer Knochen auch auf die inneren Organe anwenden. Hier kennzeichnen die Anheftungspunkte zu anderen Strukturen und die gemeinsamen Gleitflächen ein „viszerales Gelenk“ und bestimmen somit dessen Bewegungsrichtungen und Bewegungsausmaße.
Tatsächlich lassen sich auch im viszeralen Bereich unterschiedliche Bewegungen palpieren: So steht hier die Mobilität für die passive Bewegung eines Organs aufgrund der Atembewegung des Diaphragmas. Die Motilität beschreibt die Bewegung eines Organs im Raum und unterscheidet zwischen einer Inspir- und einer Exspirphase. Die Motrizität schließlich steht für die passive Bewegung eines Organs aufgrund der Motorik des Bewegungsapparats.
Zu den typischen Ursachen viszeraler Dysfunktionen zählen Fixationen etwa aufgrund von Verklebungen oder Ptosen. Auch können die diversen haltenden und bindenden Strukturen wie Ligamente, Mesenterien und Omenta anatomisch oder funktionell bedingt die Bewegungen der einzelnen Organe einschränken. Das wesentliche Ziel der viszeralen Osteopathie besteht darin, die Bewegungseinschränkungen innerer Organen zu lösen, damit diese wieder ihre Funktionen in vollem Umfang ausüben können.

Randomisierte, kontrollierte Studien über die Wirksamkeit der Osteopathie im viszeralen Bereich gibt es u.a. zu Bluthochdruck, gastrointestinalen Beschwerden, Lungenentzündung und schwangerschaftsbedingten Rückenschmerzen.

Aufgrund seiner Erfolge als praktizierender Osteopath und der stetig wachsenden Nachfrage nach seiner neuen Medizinform gründete Still 1892 in Kirksville, Missouri, die weltweit erste Osteopathieschule. Einer seiner Schüler war William Garner Sutherland (1873-1954), der in den 1930er-Jahren die Osteopathie um den cranio-sakralen Bereich erweiterte.
Ausgangspunkt seines neuen Konzepts war die Betrachtung der Suturen einzelner Schädelknochen, die ihn an die Kiemen eines Fisches erinnerten. Sutherland mutmaßte daher, dass ein atemähnlicher Mechanismus, den er später als Primären Respiratorischen Mechanismus (PRM) bezeichnete, feine zyklische Bewegungen ermögliche, die, wie er palpatorisch feststellte, über die Hirn- und Rückenmarkshäute an den einzelnen Schädelknochen entlang der Wirbelsäule bis hin zum Kreuzbein (Os sacrum) erspürt werden können. Aufgrund dieser anatomischfunktionellen Verbindung wird dieser Bereich der Osteopathie als craniosakrale Osteopathie bezeichnet und die feinen Bewegungen als cranio-sakraler Rhythmus. Dieser Rhythmus stellt einen körpereigenen Automatismus vergleichbar dem Atem- und dem Herzrhythmus dar. Er beeinflusst den Stoffwechsel des gesamten Organismus und fungiert als ein Regulationssystem, das der Osteopath diagnostisch palpieren kann. Ertastet werden dabei die Amplitude, Symmetrie und Stärke des cranio-sakralen Rhythmus. Mit sehr feinen manuellen Techniken kann dann therapeutisch auf ihn eingewirkt werden.
Obwohl es für den PRM und dessen Rhythmus diverse Erklärungsmodelle gibt, muss festgehalten werden, dass diese bislang wissenschaftlich nicht belegt werden konnten. Dennoch arbeiten Osteopathen und auch andere Therapeuten erfolgreich mit dem cranio-sakralen Rhythmus. Zudem hat Sutherland mit den von ihm entwickelten cranio-sakralen Techniken den vorher als starr geltenden Schädel der osteopathischen Behandlung zugänglich gemacht, sodass eine ganze Reihe unterschiedlichster Beschwerden und Erkrankungen im Bereich des Kopfes manuell behandelt werden können. Hierzu zählen u.a. pränatale und geburtsbedingte Dysfunktionen bei Neugeborenen. Rechtzeitig therapiert, können so spätere Beschwerden verhindert werden.

Randomisierte, kontrollierte Studien über die Wirksamkeit der Osteopathie im cranio-sakralen Bereich gibt es u.a. zur
rezidivierenden Otitis media, zur Dreimonatskolik, zu Schwindel zu temporomandibulären Dysfunktionen, zu Nackenschmerzen, Migräne und Spannungskopfschmerz.

cyAnwendungsbereiche der Osteopathie